Im Dezember '25 bin ich mit Mânil, Suketo, Lilian, James und Wollknäuel Teil des Autor*innen-Adventskalenders von Rega Kerner. Dies ist unser Beitrag, den ihr hinter dem 1. Türchen finden werdet.
Krisensitzung
(eine Mittwintergeschichte darüber, wie das Mânil-Universum und unsere komische Realität in meinem Wohnzimmer zusammenfinden. Kannst du lesen, auch wenn du Mânil nicht kennst – ich spoilere nicht)
Mânil
Ich hatte unbedingt wissen wollen, ob der Schnee auf der Erde genauso roch wie der bei uns zu Hause in Mehrleben! Da Suketo mit unserem Autor zuerst allein sprechen wollte, hatte er mir und Lilian etwas unwillig erlaubt, hinauszugehen und uns umzusehen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn wir brav in der kleinen Küche gewartet hätten. Die war schon cool, so in neongrün und mit all den Wackelaugen auf sämtlichen Geräten. Dieses schräge Ambiente traf genau meinen Geschmack. Aber draußen lag dicker Schnee und ich war nun mal ein Eismagier – das musste ich mir genauer anschauen!
Natürlich hatten wir alle drei unseren Autor schon oft besucht, waren bisher aber nie aus seiner Wohnung hinausgekommen. Neugierig gingen Lilian und ich in das kleine Treppenhaus, stiegen die wenigen Stufen hinab und betraten das erste Mal die Welt, in der unser verrückter Tintenfinger lebte, wenn er nicht gerade bei uns war. Suketo hatte uns eingebläut, keinen Blödsinn anzustellen und auf keinen Fall zu zaubern. Er hatte zwar bestätigt, dass unsere Magie auch hier begrenzt funktionierte, jedoch betont, dass wir kein Aufsehen erregen sollten.
„Was genau hat er gemeint mit kein Aufsehen?“, fragte ich Lilian schmunzelnd, als wir die Haustür hinter uns schlossen.
„Dass ich dich am besten fesseln und dir einen Sack über den Kopf stülpen sollte“, entgegnete sie trocken.
„Wieso?! Ich seh total harmlos und unauffällig aus! Ihr habt gesagt, dass unser Autor seinen Kleiderschrank mit mir teilt, dann falle ich nun wirklich nicht auf!“
Verwirrt sah ich an mir hinab. Ich war klein, blass und hatte langes, schwarzes Haar mit neongrünen Strähnen. Die Camouflagehose in Neonpink harmonierte fantastisch mit meinen Plateaustiefeln und der etwas zu große Ledermantel ließ mich noch dünner wirken, als ich ohnehin schon war.
„Du sonderst gerade Schneekristalle ab“, informierte Lilian mich ungerührt und sah sich um, ob uns jemand bemerkt hatte.
„Oh!“, machte ich peinlich berührt und fing rasch meine Eismagie wieder ein. Ich hoffte, dass sie sich nicht schon auf meine Haut gelegt hatte. Die Eisblumen sahen auf meiner bleichen Haut schon schön aus, ebenso das, was die Eismagie mit meinem Gesicht machte – doch war diese Ästhetik gänzlich ungeeignet bei der Aufgabe, nicht aufzufallen
„Ist es weg?“, fragte ich und sie nickte. Ich wollte uns nicht in Schwierigkeiten bringen, war aber einfach ehrlich aufgeregt. So oft wanderte ich nicht in anderen Welten herum.
Lilian fröstelte, zog sich ihre Mütze über ihren dunklen, rot gesträhnten Sidecut und wickelte sich ihren riesigen, langen Schal noch ein weiteres Mal um. Dazu trug sie ihren roten Wintermantel und schwarze Schnürjeans. Sie war zwei Jahre älter als ich und auch ein Stück größer.
Ich stand noch unter dem kleinen Vordach des Mehrfamilienhauses, während Lilian schon losstapfte.
„Na komm“, rief sie. „Schauen wir uns Desiderius‘ Heimatwelt mal etwas genauer an!“
Sonst war ich der Typ, der erst seiner Neugier folgte und dann nachdachte, doch hier und jetzt war ich eingeschüchtert von dieser fremden Welt, die auf den ersten Blick genauso aussah wie unsere. Ob es etwas gab, das Lilian nachhaltig einschüchtern konnte, bezweifelte ich.
Als Magiestudentin verfügte sie über keine eigene Magie – worüber sie nach eigener Aussage heilfroh war. Sie war bei uns zu Hause eine der ersten, die einen der wenigen neuen Studienplätze für Nichtmagische ergattert hatte und studierte die Zauberei. Da Suketo ein Lehrer war, der nur mäßig viel von Regeln und Vorschriften hielt, hatte er zudem begonnen, ihr beizubringen, wie sie dennoch mittels Tränken und anderen Hilfsmitteln ebenfalls zaubern konnte – und zu was sie da fähig war, war schlichtweg beeindruckend! Außerdem lebte sie in Suketos Haus inmitten von latent unberechenbaren Jungmagiern und alltäglichem Chaos, ohne dass es sie auch nur im Mindesten aus der Ruhe brachte. In meinen Augen war sie eine der mutigsten und stärksten Personen, die ich kannte und unsere Freundschaft bedeutete mir sehr viel.
Da es auch hier Ende Dezember war, war es schon dunkel und Straßenlaternen beleuchteten die weiße Pracht. Desiderius, unser Autor, hatte erzählt, dass es hier nur noch selten schneite und wir Glück gehabt hatten, einen der wenigen Schneetage erwischt zu haben. Ein großer Unterschied zwischen Mehrleben und seiner Welt war, dass unser Klima und unsere Jahreszeiten sich im Gleichgewicht befanden, was hier laut ihm nicht mehr der Fall war. Ich hatte von der Thematik nicht viel Ahnung, aber Lilian hatte dazu einiges gelesen. Mich machte der Gedanke nur traurig, während ich meinen Blick über die dicke weiße Schneedecke schweifen ließ, die genauso aussah, wie der Schnee, der Suketos Garten gerade bedeckte.
„He, nicht Trübsal blasen“, befahl Lilian und knuffte mich gegen die Schulter.
Sie hatte ja recht, das half gerade niemandem. Da wir versprochen hatten, mit keinem zu reden und nicht zu weit weg zu gehen, stromerten wir ein bisschen um die Häuser, die genauso aussahen, wie in dem Viertel, in dem ich früher mit meinen Eltern in Xiktaku gelebt hatte. Die Vorstellung, dass es hier keine Magie geben sollte, wirkte irgendwie absurd.
Als wir wieder vor dem Haus unseres Autors angelangt waren, wollten wir noch nicht hineingehen und ich fragte Lilian, ob sie Lust hätte, ein paar Schneemänner vor Desiderius‘ Balkon zu bauen.
„Hast du deine Eismagie im Griff?“, fragte sie mit einem Funkeln in den Augen zurück. Da Desiderius mich bereits einen Blick in die Rohfassungen der folgenden Teile unserer Buchreihe hatte werfen lassen, hatte ich den Satz schon einmal von jemand anderem gehört und es war für mich nicht gut ausgegangen. Trotzdem bejahte ich ihre Frage.
„Du willst also, dass ich dich mit Schnee bewerfe?“, verstand sie mich absichtlich falsch.
„Nein, will ich nicht!“, rief ich betont empört. „Ich darf hier nicht zaubern!“
„Das darfst du in Schneeballschlachten mit mir grundsätzlich nicht“, konterte sie.
„Eben und das ist haarsträubend unfair!“, protestierte ich. Sie war schneller, stärker und konnte auch wesentlich besser werfen als ich.
„Ja, aber das stört mich nicht“, lächelte sie.
„Mich aber!“
„Auch das macht mir nichts.“
„Ich bin am Arsch!“, rief ich und rannte lachend auf die dick verschneite Fläche zwischen den Häusern, während Lilian mir dicht auf den Fersen war.
Dies hier war tatsächlich kein Stück anders als zu Hause – ich war es gewohnt, aus Schneerangeleien mit ihr oder auch Ryan oder Xochil, die ebenfalls bei Suketo lernten, immer am Ende als der Nasseste hervorzugehen. Ebenso, wie ich es nicht lassen konnte, solche Dinge zu provozieren…
Zudem hatte ich den klaren Vorteil, dass ich dank meiner Eismagie im Schnee nicht fror. Ich trug niemals Handschuhe oder Mützen, hatte aber auch im tiefsten Winter keine kälteren Finger als sonst. Der Nachteil war, dass die anderen das wussten und sich daran erfreuten…
Lilian
„Ich hab Schnee an Stellen, von denen ich nicht einmal wusste“, behauptete.
Wir hatten beim Toben völlig die Zeit vergessen. Jetzt lagen wir beide aus der Puste nebeneinander im Schnee und versuchten, zu Atem zu kommen.
„Das sagst du immer“, winkte ich kichernd ab. „Dabei bist du doch gar nicht so weitläufig.“
Als ich jünger war, hatte ich nie Freunde gehabt, mit denen ich hätte durch den Schnee tollen mögen. Umso glücklicher war ich, dass ich jetzt, mit Anfang zwanzig in Suketos Haus gleich mehrere gefunden hatte – aber besonders Mânil und Ryan.
„Damit wollte ich zum Ausdruck bringen, was für ein gnadenloses Miststück du bist“, feixte er.
„Tröste dich – das bin ich nur dir gegenüber“, gab ich fröhlich zurück und machte mit Armen und Beinen eine Schneeelfe in den Schnee. Hier auf der Erde nannten sie es Schneeengel.
„Also, was ist? Willst du noch einen Schneemann bauen?“, fragte ich, worauf er sofort wieder auf den Beinen war. Er schüttelte sich kurz und sah mal wieder sehr eindeutig aus wie ein Kater. Dann reichte er mir die Hände, um mich auf die Füße zu ziehen.
„Du hebst dir ‘nen Bruch“, lachte ich spöttisch, da ich ungefähr das doppelte von ihm sein musste.
„Angeberin“, versetzte er und ergriff trotzdem meine Hände, um mich hochzuziehen. Dann machten wir uns daran, einen detailverliebten Schneemann zu bauen, der fast so groß war wie Mânil. Zum Schluss hatte Mânil noch nach einem möglichst geraden Zweig gesucht, um ihn dem Schneemann so in die Schneefaust zu drücken, dass es aussah, als schwinge er einen Zauberstab. Suketo würde die Anspielung verstehen und Mânil sehr wahrscheinlich auf irgendeine fiese Art deutlich machen, was er davon hielt – und genau deshalb machte Mânil das. Um das schräge Verhältnis der beiden zu beschreiben, hätte es mehrere umfangreiche Bücher gebraucht. Aber das war zum Glück die Aufgabe unseres Autors und nicht meine.
Ich quittierte das nur mit einer hochgezogenen Augenbraue und Mânil grinste.
„Machst du ein Bild von unserem Werk?“, fragte Mânil. Er selbst hatte kein Handy, aber ich hatte meins meistens dabei. Als ich jedoch auf das Display schaute, sah ich, dass der Akku zwar voll war, es ansonsten jedoch nicht funktionierte. Alles, was da stand, war der Hinweis „Du bist nicht in Mehrleben.“
Unsere Magie funktionierte hier also, aber unsere Geräte nicht – das hatte ich nicht gewusst.
Ich zeigte es Mânil und sagte: „Du musst ihn dir wohl einprägen, oder Desiderius fragen, ob er ihn in Suketos Garten schreibt. … Wobei, nein, mach das lieber nicht.“
Wir waren locker zwei Stunden draußen gewesen und machten uns nun auf den Weg zurück zu Desiderius‘ Hauseingang.
„Was die ohne uns wohl solange gemacht haben“, überlegte Mânil.
„Ich bin mir absolut sicher, dass ich das nicht wissen will“, lachte ich.
„Warum?“, wollte Mânil wissen.
„Weil Suketo unseren Autor mag – “
„Bist du sicher?“
„Bin ich. Und du müsstest am besten wissen, dass Suketos Art, seine Zuneigung zu demonstrieren, sehr irreführend bis fragwürdig sein kann.“
„Okay, seh ich ein.“
„Und unser Autor ist deutlich älter als du.“
„Du meinst… nie im Leben!“, rief er aus.
„Ich will’s nicht wissen“, wiederholte ich.
Was Suketo und unser Tintenfinger für ein Verhältnis pflegten, wusste ich nicht sicher, aber da ich Suketo in der Hinsicht nicht einschätzen konnte, konnte es in alle möglichen Richtungen gehen. Hauptsächlich waren wir ja hier, um mit unserem Autor über die anstehende Adventskalender-Geschichte zu sprechen und ich war zufrieden damit, zu glauben, dass die beiden genau das machten.
Am Hauseingang klopften wir uns gegenseitig so gut es ging den Schnee ab und ehe ich den Schlüssel, den ich von Desiderius geliehen hatte, herausholen konnte, ging die Tür wie von selbst auf. Da das geräuschlos passierte und die Tür auch aufschwang, handelte es sich nicht um den Türöffner, den man von der Wohnung aus betätigen konnte.
„Und mir sagt er, dass ich hier nicht zaubern darf“, grummelte Mânil.
„Wann hast du es schon mal erlebt, dass Suketo sich, wenn er nicht muss, an seine eigenen Regeln hält?“, entgegnete ich schmunzelnd.
„Ist ‘n Punkt“, gab er belustigt zu. Suketos Charakter als unmöglich zu beschreiben, wäre kolossal untertrieben gewesen. Er war misanthropisch, sadistisch, ausgesucht unhöflich und hatte einen enorm fiesen Humor, aber dennoch war er unendlich geduldig, fürsorglich und unterstützte uns, und wir hatten ihn trotz seines sogenannten Charakters meistens sehr gern. Insbesondere zwischen ihm und Mânil war eine komplizierte, platonische, aber intensive und bisweilen explosive Nähe entstanden, die uns alle schon oft in die abstrusesten Situationen gebracht hatte.
Trotz aller Mühe verteilten wir noch eine Menge Schnee im Treppenhaus. Die Tür von Desiderius‘ Wohnung öffnete sich ebenso selbstverständlich wie die Haustür, und kaum, dass wir den winzigen Flur seiner Wohnung betreten hatten, erscholl es aus dem Wohnzimmer von Desiderius und Suketo nahezu synchron: „Schuhe aus!“
Dem kamen wir nach und versuchten so wenig Schnee, wie möglich in dem kleinen Flur zu verteilen, während wir uns unserer Mäntel entledigten. Als ich sah, dass selbst Mânils grellgrünes Hemd und sein schwarzes T-Shirt darunter nass geworden waren, lachte ich.
Ich öffnete die Tür zum Wohnzimmer und stutzte.
„Was machst du mit unserem Autor?“, seufzte ich an Suketo gewandt. „… Und warum bin ich nicht einmal überrascht?“, setzte ich hinzu.
„Wir haben uns darauf geeinigt, dass er nichts schreibt, was ich nicht will, und um sicher zu gehen, habe ich dieses Anliegen noch etwas verdeutlicht“, verkündete Suketo und klang höchst zufrieden mit sich selbst.
„Eigentlich dachte ich, dass wir hier sind, weil er uns seinen Text zeigen wollte…“, merkte ich an und beschloss zu ignorieren, was ich sah. Ich hatte mich auf den neuen Text gefreut, der versprach lustig und auch ein bisschen fies zu werden – fies zumindest für Suketo.
Dieser und unser Tintenfinger Desiderius saßen auf dem kuscheligem L-förmigen Sofa. Suketo auf dem langen Ende und Desiderius mit untergeschlagenen Beinen in seiner Kissenecke.
„Planänderung“, grinste Suketo und nippte gelassen an seiner Teetasse, während Desiderius nur spöttisch eine Augenbraue hob und aussah, als hätte er gleich zehn Ideen, was er Suketo als nächstes schreibenderweise antun könnte. Woher Suketo diesen Gesichtsausdruck hatte, war in diesem Moment wieder offensichtlich.
Suketo sah, wie immer, ein bisschen aus, als liefe er in sehr eleganten Satin-Pyjamas in schwarz und dunkelrot herum. Wir hatten alle den deutlichen Verdacht, dass sich seine Tages- und Nachtkleidung nur unwesentlich voneinander unterschied. Anfangs dachte ich, dass er nur in seinem eigenen Haus so herumlief, aber tatsächlich bekam man ihn überall genau so zu sehen. Seine dunklen Haare wiesen an den Schläfen einige graue Strähnen auf und waren, wie meist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Dazu war er, wie immer barfuß, und seine Finger- und Fußnägel waren in einem leuchtenden Smaragdgrün lackiert. Dass er selbst im Hochsommer hochgeschlossen herumlief, lag sehr wahrscheinlich daran, dass er schwer vernarbt war. Die linke Hälfte seines Gesichts sah aus, als hätte er heftige Verbrennungen oder Verätzungen erlitten, die schlecht verheilt waren und da diese Narben auch teilweise seinen linken Handrücken und seinen linken Fuß bedeckten, nahm ich an, dass es seine gesamte linke Körperhälfte betraf. Was genau passiert war, wusste ich nicht, da es keine gute Idee war, ihn darauf anzusprechen.
Zufrieden betrachtete er Desiderius, der mit der Gesamtsituation nicht unglücklich wirkte, jedoch so tat, als wäre er enorm sauer. Wir versuchten alle schon seit Jahren einzuschätzen, wozu er im Stande war, da er uns letztendlich mit seinen Worten komplett in der Hand hatte.
Aktuell steckte er jedoch in einer Zwangsjacke.
„Ich bin völlig durchweicht“, beschwerte Mânil sich und sein Tonfall lag irgendwo zwischen empört und belustigt. Er war so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass er noch keinen Blick ins Wohnzimmer geworfen hatte.
Desiderius meinte achselzuckend: „Dann geh an meinen Kleiderschrank und zieh dir was trockenes an.“
Mânil schaute auf, sah Desiderius‘ missliche Lage, meinte aber nur stirnrunzelnd: „Oh. Ungewohnt.“
Damit ging er in Desiderius‘ Schlafzimmer, um sich umziehen. Da er kaum größer als dieser und der Klamottengeschmack der beiden nahezu identisch war, würde das kaum auffallen. Die blauschwarz gebatikte Röhrenhose, die Desiderius gerade trug, kannte ich schließlich auch schon von Mânil. Im Gegensatz zu Mânils Mähne trug Desiderius jedoch einen doppelten, rasierten Sidecut und die Farbe seiner Haare war jedes Mal eine andere, wenn wir ihn sahen. Im Moment waren sie leuchtend blau.
Ich betrat das Wohnzimmer, setzte mich auf das kürzere Ende des Sofas, auf die andere Seite von Desiderius und fragte betont sachlich: „Seid ihr ansonsten schon zu irgendeiner Einigung gekommen, oder habt ihr euch nur damit beschäftigt?“
Suketo zündete mit seinen Fingern die Kerzen, die auf dem Tisch standen, an und schenkte sich Tee aus der Teekanne ein, die ich aus seinem Haus kannte. Es stimmte – das hier war das Portal zwischen der Erde und Mehrleben. Hier verschwammen beide Realitäten miteinander.
„Willst du auch welchen?“, fragte Suketo Desiderius mit maliziösem Lächeln.
„Da du meine Hände gerade nicht sehen kannst, stell dir doch bitte meinen Mittelfinger vor, ja?“, entgegnete Desiderius in demselben liebenswürdigen Tonfall. Der Abend würde ja wieder spannend werden…
An mich gewandt sagte Suketo: „Er hat noch gar keinen Text für den Adventskalender geschrieben. Es ist ja nicht nur nervig, dass ich Mânil und Xochil ständig daran erinnern muss, ihre Aufsätze zu schreiben – jetzt fängt unser Autor auch noch damit an.“
„Was ist mit mir?“, wollte Mânil neugierig wissen und kam herein. Er setzte sich zwischen Suketo und Desiderius und zog ebenso wie Desiderius, die Beine unter. Er trug jetzt eine schwarz-violett gestreifte Hose und ein schwarzes, figurbetontes Hemd.
„Suketo beschwert sich, weil du deine Hausaufgaben nicht machst“, informierte Desiderius ihn amüsiert.
„Echt? Wieso das denn? Ausgerechnet bei dir?“
„Weil ich das offensichtlich auch nicht mache“, meinte Desiderius und Suketo schlug resigniert die Hände vors Gesicht.
„Eben. Deshalb meine latent verwunderte Frage“, feixte Mânil.
„Wir haben also keine Geschichte?“, fragte ich, um zum Thema zurück zu kommen.
„Das klingt, als hätte ich gar nichts gemacht“, murrte Desiderius.
„Wolltest du nicht endlich die Szene schreiben, wie Suketo damals diesem Schneemann Mânils Zauberstab abgerungen hat?“, erkundigte ich mich.
„NEIN, das wollte er nicht schreiben“, betonte Suketo energisch.
„Ich werde diesen Text noch schreiben“, widersprach Desiderius mit hämischem Funkeln in den Augen. „Ob du das willst, oder nicht – und besonders, wenn du das nicht willst.“
Suketo bedachte ihn mit einem Blick, der sonst jeden, außer Mânil und Shela in die Flucht schlug. Doch Desiderius erwiderte diesen Blick nur gelassen und grinste.
Diese ständigen halbernstgemeinten Machtkämpfe waren zwischen Suketo und Mânil bisweilen latent anstrengend. Das hier war einfach nur noch absurd und Mânil machte den Eindruck, als wäre er nicht mehr so sicher, ob er zwischen Suketo und Desiderius den besten Platz erwischt hatte.
„Was hast du denn stattdessen gemacht?“, fragte ich, um das Thema wieder in eine konstruktive Richtung zu lenken.
„Ich hab Benzinbilder gegoogelt, mit Eule gekämpft, bin auf der Suche nach der perfekten Torte, dämme Lieblingsworte ein und verteile Kommata, halte nach Messern Ausschau, hab ‘ne Gartenlaube abgefackelt und wurde in eine Zwangsjacke gesteckt.“ Die Antwort war nicht halb so sinnlos, wenn man wusste, dass er am Manuskript für den nächsten Teil unserer Buchreihe arbeitete.
„Ich bin mir sicher, dass ich nicht einmal die Hälfte davon verstehen möchte“, seufzte Mânil, der den nächsten Teil natürlich schon kannte.
„Ich auch“, beschied ihn Desiderius mit diabolischem Lächeln. Dann fragte er: „Wollte James nicht auch noch dazukommen?“
„Ja, aber er wollte zuerst sein Äußeres angemessen optimieren, hatte er gemeint“, gab Suketo kryptisch Auskunft, worauf Desiderius kicherte. Bei James konnte das alles Mögliche heißen.
Da nahm ich zu meiner Rechten eine Bewegung wahr und sah mich um. Auf dem Schreibtischstuhl lag ‚Wollknäuel‘, der extrem niedliche Plüschkater, der sich selbst zu Desiderius‘ Messemaskottchen ernannt hatte und Suketo, Mânil und mir die Herrschaft über Desiderius‘ Instagramm-Account streitig machte. Ich hätte schwören können, dass er, ehe ich hinschaute, noch mit seinen breiten Pfötchen auf der Fernbedienung herumgetippt hatte, die die Wärmematte auf dem Schreibtischstuhl steuerte. Jetzt lag er wieder still da und tat so, als wäre er ein harmloses Plüschtier.
Das war nicht das erste Mal, dass ich ein Plüschtier verdächtigte, lebendiger zu sein, als es schien, überlegte ich belustigt. Ich ignorierte das aber und fragte: „Gut. Also was machen wir jetzt?“
„Nichts schreiben, was ich nicht will“, betonte Suketo erneut, worauf Desiderius nur lachte und sich betont behaglich in seiner Kissenecke zurücklehnte.
Da wir da offenbar so nicht weiterkamen, erzählte ich Desiderius, dass mein Handy in dieser Welt nicht funktionierte und er ließ es sich von mir zeigen.
Er dachte kurz nach und sagte: „Wenn du kurz in die Küche gehst und die Keksdose mit den Sternen drauf holst, wo die Lakritzkekse drin sind, und mir einen davon gibst, schreibe ich dir das Bild später auf dein Handy. Deal?“
Die Keks-Besessenheit teilte er ebenfalls mit Suketo. Dieser und auch Mânil horchten auf bei dem Wort ‚Lakritzkeks‘. Schmunzelnd stand ich auf, um besagte Dose zu holen.
Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, stand James mitten im Raum und schaute, als müsse er sich kurz orientieren. Das Skelett maß um die eins neunzig und anhand einiger Andeutungen galt er unter Skeletten als ausnehmend attraktiv. Er war unser Lehrer für Anatomie und Schwertkampf und wirkte grundsätzlich so, als lebe er in seiner ganz eigenen Realität. Was er damit gemeint hatte, er wolle sein Äußeres anpassen, verstand ich nun auch und verkniff mir eisern das Lachen. Er trug eine grün-rote Strick-Zipfelmütze und hatte sich in seine Rippen Lametta und kleine Glöckchen gehängt. Seinen Gürtel mit dem schlichten Schwert hatte er wie immer, ebenfalls um seine Hüftknochen gewunden. Nach wie vor fragte ich mich, wie der da hielt, während James sich für seine Verspätung entschuldigte.
Mânil
James‘ Outfit war ja mal wieder unbeschreiblich! Ich fragte mich noch immer, wie ernst er es meinte, wenn er so was tat, oder ob ihm bewusst war, dass er albern aussah. Spontan hatte ich mit einem Hustenanfall zu kämpfen, der für unbedarfte Zuschauende so wirken konnte, als tarne ich ein Losprusten über James‘ neue Dekoration.
Desiderius neben mir sah James nur gelassen an, als bemerke er nichts Ungewöhnliches und sagte: „James! Wie schön, dass du es doch noch geschafft hast. Setz dich gern zu uns.“
Suketo und ich schickten uns an, noch etwas auf dem Sofa zusammen zu rücken, aber James fragte an Wollknäuel gewandt, ob er mit auf dem Schreibtischstuhl sitzen dürfe. Es ließ sich unmöglich sagen, ob zwischen dem Plüschkater und dem Skelett eine wie auch immer geartete Kommunikation stattfand, aber er hob den Kater behutsam hoch, nahm auf dem Stuhl Platz und setzte sich den Kater auf den Schoß, um ihm den Kopf zu kraulen. Wollknäuel strahlte ihn an und ich hatte das untrügliche Gefühl, ihn schnurren zu hören. Überrascht hätte mich das natürlich nicht. Über die Magie von Plüsch war ich ja schon vor längerer Zeit aufgeklärt worden.
Suketo ließ sich ebenfalls nichts anmerken, als er zu James meinte: „Das mit dem Lametta sieht wieder hervorragend aus. Ich hätte ja noch eine Lichterkette dazu kombiniert.“
„Das ist eine vortreffliche Idee“, strahlte James.
Ehe Lilian sich wieder hinsetzen konnte, streckte Suketo grinsend die Hand nach der Keksdose aus. Ohne ein Wort verschwand sie damit wieder in der Küche, füllte sich ein paar Kekse in eine Dessertschale und kehrte wieder zurück ins Wohnzimmer. Dort drückte sie Suketo die Dose in die Hand und sagte: „Mich ziehst du da nicht mit rein.“
Ich weigerte mich, die Anspielung zu verstehen.
„Hey, was ist mit unserem Deal?“, protestierte Desiderius.
„Na vielleicht kriegst du ja trotzdem einen von mir“, räumte Lilian gnädig ein.
„Von meinen selbstgebackenen Keksen. James, darf ich dir auch einen Keks anbieten?“, fragte Desiderius höflich.
„Aber gerne. Was hast du eigentlich ausgefressen? Ich nehme doch mal an, dass das Suketo war?“
„Niemand hier zweifelt das an“, murmelte ich feixend. Das wäre schließlich genau das, was Suketo in jedweder Situation tun würde. Trotzdem stieß Suketo mir für meinen Spruch seinen Ellbogen in die Seite, worauf ich protestierte.
Zu James sagte er: „Desiderius hat keine Adventskalender-Geschichte geschrieben und ich hab dafür gesorgt, dass das so bleibt. Es gibt Gründe, weshalb diese Szene im ersten Teil übersprungen wird.“
„Kann mir nochmal jemand erklären, was es mit diesem Advents-Ding auf sich hat?“, fragte ich in die Runde, in der Hoffnung, dass ich nicht wieder der Einzige war, der nichts mitbekommen hatte. Dass nicht selten andere Sachen interessanter waren und auch meine Aufmerksamkeit wollten, während irgendwer mir langweiliges Zeug erklärte, war leider eine Tatsache, aber dafür konnte ich nichts.
„Klar“, meinte Desiderius zu meinem Glück.
„Gut, dass ich das noch nie gemacht habe“, schmunzelte Suketo.
„Dann warst du dabei vielleicht einfach nur langweilig“, konterte ich, was er hinnahm.
Zwar ließen wir einander bemerkenswert viel durchgehen und waren uns da – wenn auch unausgesprochen – einig, dass das okay war. Dennoch war er laut eigener Aussage nachtragend und rachsüchtig und lebte diese Eigenschaften auch hemmungslos an allen aus – am liebsten an mir.
„Advent“, begann Desiderius und wurde von Suketo unterbrochen.
„Ich fühle mich gerade ein bisschen überflüssig“, murrte er.
„Das macht nichts“, lächelte Desiderius. „Die Freude am Erklären, hast du von mir.“ Dann wandte er sich an mich: „Also – hier werden am Ende des Jahres auch viele unterschiedliche Feste zelebriert. Ich selbst begehe, wie ihr, Mittwinter und die Raunächte. Andere feiern Jul oder Weihnachten und noch vieles andere. Dabei nennen sich die Wochen vor Weihnachten hier Advent. Frag mich nicht, was es damit auf sich hat, das ist ursprünglich was Religiöses und nicht meine Baustelle. Aber wie ihr bei der Wintersonnenwende, zählen sie auch hier mit einem Kalender mit Minigeschenken im Dezember die Tage bis Weihnachten – und das ist der Adventskalender. Nur sind es hier vierundzwanzig und nicht einundzwanzig Türchen. Die Geschichte, die ich schreiben sollte, ist für einen Adventskalender aus Kurzgeschichten gedacht.“
Ich nickte und sagte zu Suketo: „Siehst du, ich hab zugehört und mir alles gemerkt. Desiderius ist offenbar ziemlich interessant.“
Suketos Blick versprach, dass ich meine Worte noch bereuen würde. Er hielt solche Versprechungen zwar grundsätzlich, aber das führte nicht dazu, dass ich mich mit meinen Äußerungen ihm gegenüber mehr zusammenriss – und ich war mir sicher, dass ihn das auch massiv irritiert hätte.
„Wie schön. Damit kommen wir zurück zum Grund unserer heutigen Sitzung“, verkündete Lilian und biss in ihren Keks.
„Sag mal, hast du das Rezept von Nelly oder kennst du hier in deiner Welt auch Leute, die so hervorragende Kekse machen können?“, wollte sie dann wissen.
„Wir können im Adventskalender auch Rezeptideen austauschen“, schlug Suketo belustigt vor.
„Die wurden mir mal euch zu Ehren zu einer Lesung gebacken – und ich hab das Rezept bekommen“, antwortete Desiderius. „Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr für coole Leser*innen habt!“
„Wir schreiben denen alle paar Wochen in unserer schrägen Newsletter-Post. Klar wissen wir das!“, widersprach Lilian.
Suketo meinte trocken: „Wie ich auch dort bereits wiederholt anmerkte – das ist nun kein Grund diese Pappnasen derartig anzuschleimen.“
„Ich bin halt nicht so ein Arsch wie du“, versetzte Desiderius, worauf Suketo nur eine Augenbraue hob und wir uns dazu besser nicht äußerten.
James betrachtete Desiderius derweil nachdenklich und schlug dann vor: „Du hättest auch Lichterketten nehmen können, Suketo. Das hätte noch schöner zur Stimmung gepasst.“ Suketo schaute nur fragend und James präzisierte: „Um ihn zu fesseln, wenn du das nun unbedingt für nötig erachtest.“
„Ist nötig“, betonte Suketo und schaute sich um – Desiderius stand Suketo in seiner Begeisterung für viele Lichterketten in nichts nach.
Desiderius sagte: „Wer hier anfängt, meine Lichterketten abzudekorieren, stirbt im nächsten Teil – versprochen!“
„Eben“, stimmte Suketo zu. „Es sieht hier sehr schön aus, das wollte ich nicht zerstören.“
„Danke“, grinste Desiderius.
„Wobei ich ja finde, dass noch die ein oder andere Lichterkette nicht schaden könnte“, überlegte Lilian spöttisch.
Suketo und Desiderius stimmten ihr ernsthaft zu, während James sich verarscht fühlte und ich daran scheiterte, mir das Lachen weiter zu verkneifen.
„Hör auf zu lachen, sonst bekommst du keine Kekse“, raunzte Suketo mich an.
„Hast du mich eigentlich nur mitkommen lassen, weil ich der Einzige hier bin, der dir nicht widersprechen sollte?“, erkundigte ich mich neugierig.
„Irgendeinen Zweck musst du ja erfüllen“, gab Suketo ungerührt zurück. Wer es nicht besser wusste, mochte auf den Gedanken kommen, dass wir einander ernsthaft nicht leiden konnten. Leider passierte das immer mal wieder, was nicht erst einmal dazu geführt hatte, dass mich jemand irrtümlicherweise meinte, retten zu müssen.
„Irgendeinen Zweck? Ich bin zwar der Hauptcharakter in der Buchreihe, soweit ich das verstanden habe, aber…“, setzte ich an und Suketo unterbrach mich: „Ich bin der Hauptcharakter. Frag Desiderius.“
„Die Reihe heißt Mânil“, betonte ich. „Kriege ich einen Keks?“
„Kriegt James mal einen? Ich hab ihm einen angeboten. Und ich bekomme auch noch einen“, erinnerte Desiderius.
Lilian zückte derweil ihren Notizblock und schrieb drauflos, als hätte sie eine Idee.
„Zu einem Ergebnis kommen wir heute wohl nicht mehr…“, meinte sie.
„Rezeptideen?“, fragte Suketo amüsiert.
„Nein, besser“, entgegnete sie und beachtete ihn nicht weiter, während sie schrieb.
Großzügig hielt Suketo James also die geöffnete Keksdose hin und der nahm sich einen. Tatsächlich hatte ich das Skelett noch nie essen sehen und ich kann nicht leugnen, dass ich neugierig war, wie das funktionierte.
Als er den Arm ausstreckte, um sich einen zu nehmen, strich das Lametta in seinen Rippen Wollknäuel über die Nase. Der öffnete die Augen, sah das bunte Glitzerzeug und haschte begeistert mit beiden Pfötchen danach und in James Brustkorb hinein. Irritiert versuche James den Kater aus seinem Brustkorb fernzuhalten, aber Wollknäuel langte immer wieder wie gebannt nach dem Lametta. Kurz beobachteten wir alle mit angehaltenem Atem das absurde Schauspiel, während James gar nicht mehr so begeistert von dem Kater auf seinem Schoß war, der nun auch die klingelnden Glöckchen entdeckt hatte und versuchte, sie einzufangen. James hatte seine liebe Not und es wirkte beinahe, als hätte er plötzlich mindestens drei spielbegeisterte Kater auf dem Schoß.
Desiderius räusperte sich und meinte unschuldig: „Ich würde dir ja zu gern helfen und dich befreien, aber leider sind mir gerade die Hände gebunden.“
Suketo stand kopfschüttelnd auf und pflückte den Kater, der sich bereits in einige Lamettafäden eingewickelt hatte, von James Schoß. Wollknäuel wehrte sich ein bisschen, war dann aber wohl ganz angetan von Suketo. Er ließ sich bereitwillig auf dessen Schoß nieder und spielte mit dem verbliebenen Lametta.
„Hey!“, protestierte ich instinktiv, während ich fühlte, wie kurz mein Kateranteil sehr präsent wurde, aus meinen Augen das Weiß verschwand und ich Suketo und Wollknäuel ein wenig eifersüchtig beäugte. Ich fing den Kater in mir jedoch schnell wieder ein, ließ meine Augen sich wieder normalisieren und hoffte, dass es niemand bemerkt hatte.
Suketo sah amüsiert auf und fragte spöttisch: „Hattest du etwa kein Mitleid mit James‘ schöner Deko?“ Doch, er hatte es bemerkt. Wie hatte ich etwas anderes glauben können?
Während James sein verbliebenes Lametta richtete, rückte ich neugierig näher an Suketo heran, um Wollknäuel über den weichen Rücken zu streicheln.
Desiderius raunte Lilian hämisch zu: „Es ist so schön zu sehen, wie man die beiden Ober-Dreckskerle der Geschichte mit niedlichen Plüschtieren ruhigstellen kann.“
„Das haben wir gehört“, knurrte Suketo in Desiderius‘ Richtung.
„Das hoffe ich doch“, entgegnete dieser.
„Du bist dir deiner misslichen Lage aber schon bewusst, oder?“, erkundigte Suketo sich mit maliziösem Lächeln.
„Absolut“, gab Desiderius zurück. „Du dir deiner auch?“
„Jederzeit“, erwiderte Suketo. „Mânil, du darfst Desiderius endlich mal seinen Keks geben.“
James hatte die Keksdose an sich genommen, während wir alle von Wollknäuel abgelenkt gewesen waren und ich hatte wieder nicht gesehen, wie er aß. Lächelnd reichte er die Keksdose über den Tisch, wo ich die Hand danach ausstreckte und Suketo sie mir vor der Nase wegschnappte. Er ließ mich aber trotzdem einen Keks nehmen, um ihn Desiderius zu geben.
Ehe ich ihn ihm jedoch reichte, merkte ich an: „Du hast mich gerade als Dreckskerl bezeichnet.“
„Wenn du mir den Keks gibst, nehme ich das zurück“, grinste Desiderius. Ich glaubte ihm nicht, steckte ihm den Keks trotzdem in den Mund und er verspeiste ihn genüsslich. Suketo hatte Wollknäuel einen Lamettafaden abgenommen und ließ den kleinen Kater danach haschen, Lilian schrieb eifrig und James sah sich neugierig in Desiderius extravagantem Wohnzimmer um. Als er hinter sich sah, stutzte er.
Dort lag ein lebensgroßes Skelett aus Plastik auf dem Fußboden, die Arme und Beine zusammengefaltet und gründlich mit schwarzem Seil verschnürt.
Natürlich konnte James‘ Schädelgesicht nicht wirklich die Stirn runzeln, dennoch sah man deutlich, wenn er es tat.
„Was hat das zu bedeuten?“, wollte er irritiert wissen. „Bin ich das?“
„Das ist Marketing“, kicherte Desiderius. „Das ist dein Alter Ego und er dekoriert meinen Buchstand, wenn ich auf Messen unterwegs bin. Du bist fast so beliebt wie Suketo.“
„ICH BIN NICHT BELIEBT“, knurrte der ungehalten.
„Doch, bist du“, lachte Desiderius. „Aber frag mich nicht warum, ich kann das beim besten Willen nicht nachvollziehen. Du bist ein sadistischer Arsch.“
Wir alle wussten, dass er verknallt in Suketo war, sagten aber nichts dazu. Desiderius‘ Art seine Zuneigung zu zeigen, war ähnlich missverständlich wie die von Suketo.
„Aber warum bin ich auch gefesselt?“, wollte James besorgt wissen. „Ich dachte, ich bin von deinem Motto nicht betroffen.“
Oft genug hatte Desiderius halb ernstgemeint betont, dass er noch nie eine Geschichte geschrieben hätte, in der niemand gefesselt oder sonst wie seiner Freiheit beraubt wird – ohne das ganze zu sexualisieren. Bislang war er dieser Ansage zur Belustigung seiner Leser*innen bemerkenswert treu geblieben.
„Nein, bist du nicht, sei unbesorgt“, erwiderte Desiderius amüsiert. „Das ist nur zum Transport. Dein Alter Ego hat eine deutlich schlabberigere Körperhaltung als du. Er ist nicht so durchtrainiert und ein bisschen sperrig. So kann ich ihn mir unter den Arm klemmen. Auf den Messen befreie ich ihn immer und im Winter hat er genauso eine schöne Mütze wie du.“
„Ah, verstehe.“ James war sichtlich beruhigt. Offenbar hatte er befürchtet, dass ihn womöglich ein fragwürdiges Schicksal in den Büchern ereilen könnte. Aber das blieb dann … Anderen vorbehalten.
„Was hast du denn noch hier alles von uns herumliegen?“, fragte ich neugierig und sah mich ebenfalls genauer um.
„Das willst du nicht wissen“, erwiderte Desiderius und sein Lächeln als diabolisch zu umschreiben, wäre massiv untertrieben gewesen. „Bleib um deinetwillen weg von dem Regal dort hinten. Suketo du auch – und das meine ich ernst.“
Desiderius
Zum Glück nahmen meine Charaktere es deutlich besser auf, dass ich die geplante Geschichte nicht geschrieben hatte. Aber sie wussten ja auch, dass meine vergangenen Monate ebenso turbulent und schwierig gewesen waren, wie ihre. Schließlich hatten sie mich nach Kräften hindurch getragen. Wie es aussah, hatte auch Lilian bereits eine Idee, um die Situation zu retten und ich ließ sie. Probleme, die Lilian nicht lösen konnte, konnte ich mir nur schwer vorstellen.
Dass besonders Suketo und Mânil sich von dem Regal fernhalten sollten, das zu meinem Fotohintergrund gehörte, war jedoch wichtig. Ansonsten wäre die Situation vielleicht doch noch eskaliert. Schließlich lag dort das, was das Ende von „Mânil 2 – Keine Leinenpflicht in Katurath’ka“ ausgelöst hatte.
Wollknäuel hatte bei meinen Worten kurz aufgesehen. Er verstand sofort, was ich meinte und begann besonders niedlich auf Suketos Schoß mit dem Lametta herumzutoben, was die beiden zuverlässig ablenkte. Es war immer wieder zu lustig mit anzusehen, wie Suketo, dieser misanthropische, ätzende Typ, der niemanden an sich heranließ und dem es lieber war, wenn alle ihn hassten, sämtliche Fassaden fallen ließ, wenn es um niedliches Zeug ging. Wobei ihm das unbeliebt sein nicht mehr bei allen gelang – auch wenn er buchstäblich alles gab.
Suketo
Ich versuchte mich zusammenzureißen. Wirklich. Aber diesem vermaledeiten, entzückenden Kater war ich einfach gänzlich ausgeliefert. Desiderius musste gewusst haben, dass ich dem nicht widerstehen konnte. Aber zumindest kannte niemand den Hintergrund dazu. Dieses Geheimnis hütete ich sorgfältig.
Was Lilian da schrieb, hätte mich schon interessiert, aber auch so war ich der Überzeugung, dass sie die Situation retten würde – wer, wenn nicht sie? Wie wir dabei wegkamen, war fraglich, da sie es faustdick hinter den Ohren hatte, aber am Ende würden wir einen Text haben, den Desiderius zu jenem Adventskalender beisteuern konnte. Ich war nur erleichtert, dass sie und Mânil nicht zugegen gewesen waren, als ich mit unserem verrückten Tintenfinger ausgehandelt hatte, ob er den ursprünglich geplanten Text noch schreiben sollte, oder nicht. Auf jeden Fall waren wir zu einem zufrieden stellenden Ergebnis gekommen. Dieser Ansicht war zumindest ich.
Da hörte ich vom Balkon her ein Geräusch, das hier nicht hergehörte. Es rumpelte, als versuche jemand, die mit Tannenzweigen bedeckten Balkonkästen abzubauen.
„Was war das?“, fragte auch Lilian alarmiert, sah jedoch aus, als hätte sie bereits eine Theorie. Die schwarzen Rollos waren halb zugezogen und es war dunkel draußen, so dass nicht viel zu sehen war. Doch ich fühlte etwas.
James stand bereitwillig auf und linste hinter das Rollo der Balkontür.
„Da versucht ein Schneemann auf den Balkon zu klettern. Kennst du den?“ James klang, als wäre ein lebendiger Schneemann ebenso alltäglich, wie ein gefesselter Autor, ein agiles Plüschtier, oder dass wir hier in Desiderius‘ Wohnzimmer saßen.
„Nein!“, rief Mânil. „Das kann nicht sein! Ich hab unseren Schneemann nicht angesprochen! Wirklich nicht!“
„Er scheint einen Zauberstab zu haben“, berichtete James stirnrunzelnd.
„Nein, hat er nicht! Das war ein Witz! Das ist nur ein Zweig!“, rief Mânil.
„Ein Witz? Aha“, kommentierte ich das, ohne durchblicken zu lassen, wie ich das fand. Ich wusste, dass Mânil das nervös machte – insbesondere, da ich mit einem seiner Schneemänner eine Vergangenheit hatte.
„Jetzt hat er einen Blumenkasten heruntergeworfen“, informierte uns James, als hätten wir das nicht alle gehört.
„Ich erwarte von euch, dass ihr das in Ordnung bringt. Da sind Zwiebeln in den Blumenkästen“, verlangte Desiderius, blieb aber völlig gelassen.
„Ich glaube, er möchte rein“, meinte James. „Soll ich ihn reinlassen?“
„Nein, er ist kein Buchcharakter und ich kenne ihn nicht weiter. Ich mag keine Fremden in meiner Wohnung“, beschied Desiderius uns und James nickte verständnisvoll.
Ich bedachte Mânil mit einem Blick, der ihn dazu bewog, aufzustehen. „Ich mach das schon“, sagte er kleinlaut, drängte sich an James vorbei und schlüpfte durch die Balkontür nach draußen.
„Ich glaube, Mânil denkt, dass du sauer bist“, meinte James vorwurfsvoll an mich gewandt.
„Ich weiß“, grinste ich.
„Bist du’s?“, fragte er.
„Nein, warum sollte ich? Diesmal hat sein Schneemann schließlich nicht versucht, mich zu verprügeln. Ich amüsiere mich gerade köstlich.“
„Und warum lässt du Mânil glauben, dass du sauer bist?“, fragte James weiter.
James und ich hatten uns während meiner Zeit als Söldner kennengelernt und waren seit sehr langer Zeit Freunde. Ich mochte den Austausch mit ihm. Die Tatsache, dass er alles wörtlich nahm und keine Ironie verstand, machte die Kommunikation mit ihm oft recht lustig, denn ich war der personifizierte Sarkasmus. Zudem war James vermutlich der Einzige auf der Welt, der mich nicht für moralisch extrem fragwürdig hielt. Diese Art von Gespräch mochte ich jedoch überhaupt nicht.
„Weil ich ich bin“, antwortete ich also nur. Es gab schließlich keinen pädagogisch wertvollen Grund für mein Verhalten, außer, dass ich das lustig fand.
„Das ist ein bisschen unfair“, fand James.
„Ja, ist es.“ Ich hatte zum Glück trotzdem keine Probleme zu meinem Charakter zu stehen.
Da kam Mânil wieder herein, in der Hand eine große Möhre und einen schwarzen Zylinder, den er für den Schneemann beschworen hatte.
„Braucht jemand eine Möhre oder einen Hut?“, fragte er in die Runde und auf Desiderius‘ Blick erklärte er, dass der Schneemann sich wieder friedlich mit der Schneedecke vereint habe.
„Das ist sehr diplomatisch formuliert“, kicherte Desiderius. „Und meine Blumenkästen?“
„Ähm, denen geht es nicht so gut“, gestand Mânil.
Ich setzte Wollknäuel auf Desiderius‘ Schoß ab, stand auf und befahl Mânil, sich wieder hinzusetzen. Der mit den unzähligen Gewächshäusern und den sehr speziellen magischen Pflanzen war schließlich ich. Ein paar Blumenkästen in Ordnung zu bringen, war ein Klacks für mich.
Unsicher beäugte Mânil mich und ich grinste ihn an. Ich musste ihm nichts weiter erklären – im Gegensatz zu James begriff er, wie ich tickte und komischerweise war das einer der Gründe, weshalb er nicht gleich zu Anfang seiner Ausbildung bei mir das Handtuch geworfen hatte, sondern geblieben war.
Draußen lagen drei Blumenkästen am Boden. Die Erde und die Zwiebeln waren wild auf dem Balkon verteilt. Von dem fehlgeleiteten Schneemann war nichts mehr zu sehen. Der Mond war mittlerweile aufgegangen und ich genoss einen Moment die eisige Luft und die Stille, die hier genauso schön war, wie zu Hause.
Dann hängte ich mit wenigen Handbewegungen mittels Telekinesemagie die Kästen wieder an ihren Platz, füllte die Erde hinein und steckte die kleinen Zwiebeln zurück. Sicherheitshalber hinterließ ich ihnen noch einen kleinen Zauber, damit sie den Schreck überwanden und im nächsten Frühjahr kräftig blühten.
Kurz lauschte ich dem Lachen und Reden im Wohnzimmer, ehe ich wieder hineinging. Es stimmte – ich hasste keinen von diesen Torfnasen da drin. Wie das hatte passieren können, konnte ich mir nur schwer erklären.
Desiderius, Mânil, Suketo, Lilian, James, Wollknäuel und die anderen wünschen euch einen schönen Dezember und fröhliche Festtage, falls ihr etwas feiert <3
(November ‘25)
Zum gesamten Adventskalender '25: Hier
